Partricia glaubte, nie den Augenblick zu vergessen, als das Glück sie verließ. Fliederfarben sank der der Sommertag in die Knie. Einer der seltenen großen Tage, die die Endlichkeit vergessen lassen, und die Seele mit einer vagen Sehnsucht, einem Heimweh nach Bestimmung anrühren. Sie las mit untergeschlagenen Beinen bei geöffneter Terrassentür als Bernd ins Zimmer trat. Ihr Haar glühte wie ein Feuerball in der untergehende Sonne. Er trug Fremdheit wie einen Umhang.. Sie lachte verlegen, als er sagte, wir müssen reden. Es war früher einer ihrer Standardwitze: zieh dich aus, leg dich hin, wir müssen reden. Taten waren schon lange nicht mehr gefolgt. Seit nahezu drei Jahrzehnten waren sie verheiratet. Deshalb war Glück die Abwesenheit von Unglück.
Er war gut vorbereitet. Sie war völlig überrascht. Das könne nicht alles gewesen sein. Das Leben, das kurze, müsse mehr hergeben. Er habe eine neue Frau gefunden und wolle noch einmal anfangen, solange es noch nicht zu spät sei. Sie hätte gerne die Verzweiflung ausgeweint, aber ihre Augen waren glühende Salzwüsten. Schreien wollte sie, doch ihre Lungen konnten kaum Atem einhecheln. Etwas zerschlagen, oder zumindest sich an ihn klammern, doch sie war gelähmt.
Er nahm wenig mit, seinen Laptop, den Montblanc Füller, ein paar Anzüge und, das rührte sie selbst in ihrer Verzweiflung, die Jugendstil Schreibtischlampe, die sie ihm geschenkt hatte, zu einer Zeit, als sie es sich nicht leisten konnte. Nach und nach hatte er nahezu den gesamten Glasbehang ausgetauscht. Von Geschäftsreisen, von Ausflügen, von Veranstaltungen brachte er oft neue, farbige Kristallbehänge mit, manchmal nur Plexiglas, manchmal eine Perle.
Sie suchte ihre Schuld. Sie hatte zu viele Freiräume für sich gefordert. Ihm zu wenig gezeigt, wie sehr sie ihn brauchte, wie sie das Leben mit ihm schätzte. Sie kasteite fünfzehn Kilo von ihrem Körper. Wie eine Schwerverletzte atmete sie Monate lang ganz flach, als verringere sich so der Schmerz. Nachts saß sie aufrecht im Bett, wiegte den Oberkörper vor und zurück und murmelte, wie eine irre Beschwörungsformel in der Sprache ihrer nordischen Heimat. Go mbrisfeadh síos Carrauntoohil, seasfaidh mé árd agus taispeānfaidh mé an bealach abhaile dhuit. Stróic mo bhrỏd mar a n-itheann an mac tíre croí an van shaonta, déanfaidh mé miongháire as shúile chrva...(Auch wenn der Carrauntoohil einstürzt, werde ich hoch aufgerichtet stehen und dir den Weg nach Hause zeigen. Zerfleische meinen Stolz wie ein Wolf das Herz des unschuldigen Lamms verschlingt, ich werde in deine stählernen Augen lächeln.)
Nach einem halben Jahr ging sie mit Freundinnen aus. Die bewundernden Blicke der Männer empfand sie als Affront. Ihre Anmachsprüche als Beleidigung. Ein Bekannter sagte ihr, es gibt nur zwei Gründe, warum ein Mann eine Frau verlässt. Entweder sie genügt seinen Ansprüchen nicht oder mit den Affären füttert er sein Ego. In beiden Fällen wird es sich wiederholen, denn die Frau wird nie die Erwartungen erfüllen können, und das Ego wird nie satt. Aber sie hatte ihn im Verdacht, dass er ihr nur ins Höschen wollte.
Nach einem Jahr rief er an. Auf einen Kaffee. Er sprach von Fehlern, von Missverständnissen, von Neuanfang. Er sagte alles, was sie in deliriösen Nächten erträumt hatte. Doch plötzlich erschien ihr ihr neues Leben wertvoll. Der Austausch mit anderen, die Unabhängigkeit, die Bewunderung fremder Männer. Dennoch stimmte sie zu, dass man sich öfter treffen sollte, sich wieder annähern, den Versuch wagen. In der Folgezeit sah man sie viel auf Jahrmärkten zusammen, in Clubs und auf Veranstaltungen. Überall, wo junge Leute hingehen, die sich nur berühren und nicht sprechen wollen. Aber das erhoffte Prickeln stellte sich nicht wieder ein, ebenso wenig die gemeinsame Sprache. Sie bemerkten, dass die Unschuld verloren war. Er schwur, dass es niemals wieder passieren würde, sie versprach, ihm niemals Vorhaltungen zu machen. Glück ist eine Illusion, die den Glauben an die Unvergänglichkeit braucht. Jetzt wussten beide, dass Trennung möglich ist, dass einer ohne den anderen leben kann. Dass blindes Vertrauen Dummheit sein kann, dass Liebe nicht bedingungslos ist. Sie trifteten Hand in Hand von einander weg, sie traute sich nicht mehr ihm zu trauen. Er zog wieder bei ihr ein und sie ersetzten Vertrautheit durch Freundlichkeit bis sie sich an einem Sonntagnachmittag mit einem anderen einließ, von dem eine Freundin sagte, er habe den Bettlersegen. Als König James V incognito unterwegs war und einen Fluss durchqueren wollte, rettet ihn eine Bettlerin und trug ihn auf ihrem Rücken über den Fluss. Als Dank schenkte er ihr ein Goldstück. Sie segnete ihn mit den Worten: may prick nor purse ne´er fail you.
Ihr Gewissen plagte sie. Sie begleitete Bernd auf eine Betriebsfeier in die neue Firma, wohin er gewechselt war. Sie kannte niemanden dort, er hatte wenig Zeit sich um sie zu kümmern. Spät am Abend, nach vielen Drinks tanzte er mit ihr, eng umschlungen. Als sie wieder alleine an der Bar stand lallte ihr Nebenmann, sie solle sich vorsehen, sonst ende sie als Lampenbehang. Ein ganz Schneller sei der Neue, dieser Bernd. Ein Quicky mit jeder, die bei Drei nicht auf einem Baum sei. Für jede Eroberung, das sei seine Marotte, hänge er einen neuen Glasbehang an seine Schreibtischlampe. Rot für heiße Bräute, blau für langweilige, mit der gesamten Farbskala dazwischen.
Stage später saß sie mit untergeschlagenen Beinen auf der weißen Couch. Eine kraftlos untergehende Sommersonne hatte sich im Gespinnst ihrer Haare verfangen. Teilnahmslos abwesend beobachtete sie den Todeskampf einer Schmeißfliege, die sie mit einem Strahl Insektenspray getroffen hatte und die auf dem Rücken liegend einen letzten wilden Tanz aufführte, sich irre im Kreis drehend. Als die Fliege sich ergeben hatte und langsam, beinahe demütig die Beine über der grünschimmernden Bauchseite gekreuzt hatte, erhob sie sich mit ruckartiger Entschlossenheit.
- Weblog von S.Münch
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
- 356 Aufrufe
Neueste Kommentare
vor 2 Jahre 11 Wochen
vor 2 Jahre 11 Wochen
vor 2 Jahre 12 Wochen
vor 2 Jahre 32 Wochen
vor 2 Jahre 39 Wochen
vor 2 Jahre 46 Wochen
vor 2 Jahre 49 Wochen
vor 3 Jahre 4 Wochen
vor 3 Jahre 4 Wochen
vor 3 Jahre 4 Wochen