Der Donnersberg ist 687 Meter hoch und sieht nach den ersten schwachen Schneefällen aus wie das stoppelige Kinn einer fahlen Altmännerleiche. Jetzt war Sommer und in einem der Dörfchen, die sich in seinen Ausläufern verkriechen, wurde ein Turmfest gefeiert.
Ihre Familie stammte aus dem Weiler, und die Sehnsucht nach dem vermeintlich Einfachen trieb die Entwurzelte oft dorthin zurück, wenn ihr die Intellektualität der Stadt im Hals brannte wie ranzige Buttercreme. Das Grundstück, das sie im Ort besaß war wertlos, wenn es zum Verkauf angeboten worden wäre. Für sie war es jedoch die lebenswichtige Illusion eines Sicherungsseils, war Bodenhaftung. Doch Heimat war auch hier nicht,oder Geborgenheit. Wenn sie unvermittelt mit der Einfachheit der Bewohner zusammentraf, nahm sie sie als krude Stupidität wahr und sehnte sich nach Geschliffenerem. Später einmal würde sie wissen, ihre Sehnsucht nach dem Ursprünglichen war nur Streben nach Inbesitznahme des Nichtbesitzbaren, Uneinnehmbaren. Trauer um das wunderbare Gestern, das vorgestern noch gefürchtet war. Sie würde das Grundstück verkaufen und ihren Träumen vom Verlust von etwas Unbennbarem, nie Besessenen und Unerreichbarem beim Abhören weinender Saxophonstücke in der Bequemlichkeit ihres Lieblingssessels nachtrauern anstatt auf harten Holzstühlen in Bauernküchen, in deren Putz seit Generationen der Dunggestank der Ställe eingesickert war.
Ihn hatten die günstigen Immobilienpreise an den Fuß des Keltenwalls verschlagen. Sie stellte ihn der auf dem Fest versammelten Verwandtschaft vor, er machte sie mit früheren Nachbarn bekannt und besoff sich nach Strich und Faden. Er baggerte eine viel zu junge Kleinwüchsige an, mit der ihm seine benebelte Fantasie schräge Sauereien vorgaukelte. Zu fortgeschrittener Stunde bestand er darauf, vom Turm zu pissen.
Wo andere Fotos machten, beschwor er den genius loci mit Urinstrahl. Rhein, Nil, Mississippi, Po, Eiffelturm, Tower of London, die Meerenge von Gibraltar, den englischen Kanal, alles hatte er bepinkelt. Dass ihn die Amis in Key West verhaftet hatten, als er neben dem rot-schwarz-gelben Kegel, der den südlichsten Punkt der USA markiert, ins Meer pinkelte, hatte keinen Eindruck hinterlassen. Als er nun auf dem Mauerkranz des Turmes stand und sie ihn, belustigt und besorgt zugleich, am Gürtel festhielt, war er sicher, er könne im Leben nie mehr fallen. Glück thront immer über dem Abgrund, weil es den Kontrast braucht. Für die Dauer eines Blasenentleerens, mit dem Halt ihrer Hand im Rücken, war er von seiner Unbesiegbarkeit überzeugt. Hier und jetzt hätte er ihr ein Mandat für sein Leben erteilt. Mandat im Sinne von „in manum dare, sich in jemandes Hand geben“, etymologisch wahrscheinlich falsch, trotzdem beruhigend. Rechtzeitig erinnerte er sich, dass er nie Gehaltener sein könnte, immer nur Halter.
Sie bevorzugten sich und konnten sich nicht vorstellen, sich jemals zurückzuweisen. Dabei war nur keiner von beiden zum Loslassen stark genug. Doch bald war die gegenseitige Bewunderung nicht mehr ausreichend und sie wollten sich formen.
Als ihre Liebe ihren Höhepunkt überschritten hatte, heirateten sie. Zu ihrem Unglück wussten sie, dass sie ohne einander leben konnten. Doch zu stark war die Eifersucht, die Besitzgier, den anderen, dessen Wert man kannte, aber nichts mit ihm anzufangen wusste, zu verlieren. Irgendwann waren sie einander wie Goldschätze, die Verdurstende in der Wüste finden. Unermesslich wertvoll in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, hier und jetzt nur unnötiger Ballast. Sie wollten sich nicht mehr, gönnten sich aber keinem Dritten. Sie hatten beide Affären, waren dennoch immer froh, in die vermeintliche Sicherheit zurückzukommen und fächelten sich neuen Mut zu.
Die Leidenschaft starb, als ihr Sohn Karl geboren wurde. Seine Hände strichen nicht mehr suchend über ihren Körper wie ein Dieb, der einen verbotenen Einlass suchte, sondern bewegten sich mechanisch hin und her . Für eine Weile waren sie dem Anschein nach eine ganz normale langweilige Familie. Damals wäre sogar eine Trennung möglich gewesen. Ihre Meinungsverschiedenheiten beschränkten sich auf Gebiete, die sie nicht wirklich berührten. Er war dafür, Personen, die von der Allgemeinheit alimentiert werden, für die Zeit der Staatshilfe das Wahlrecht zu entziehen, um eine Diktatur der Verweigerer zu verhindern. Sie nannte ihn Darwinistensau. Er forderte daraufhin ein Zensuswahlrecht. Für jeweils eine bestimmte Summe an Steuern wird eine Stimme vergeben, um den Leistungsträgern entsprechendes Gewicht zu verleihen und die Steuerflüchtlinge zu stoppen. Sie forderte Stimmrecht für jedes Kind, auszuüben von den Eltern. Er stimmte zu, aber nur für die, die ohne Staatsknete auskommen. Sie nannte ihn Darwinistenoberdrecksau.
Karl war unausstehlich, schon als Baby war er ein Quälgeist, der die Familie tyrannisierte. Mit drei Jahren, unter Zuhilfenahme eines Stuhles, hatte er das Mikrowellengerät mit seiner Marienkäfersammlung bestückt. Die Käfer poppten wie Maiskörner und hinterließen einen derart penetranten Gestank, der durch nichts zu entfernen war, dass das Gerät in den Müll gehauen werden musste. Ein paar Jahre später im Herbst, er bestritt es zwar, und seine Mutter griff ein, bevor er geständig war, hatte er Mautz, der rotgetiegerten Hauskatze, ein Katzengeschirr umgelegt, das er mit einem Seil, an dem ein Stein befestigt war, verlängert hatte,. Das Seil war lang genug, um Mautz, wie an einem Anker, in der Mitte des Swimmigpools einen Schwimmradius von zwei Metern zu gestatten.. Er gab eine Großpackung Waschmittel, die später im Vorratsraum vermisst wurde, in den Pool und ließ die um ihr Leben schwimmende Katze Schaum schlagen. Sie hielt es für einen groben Scherz, als sie den bis auf den Rasen quellenden Seifenschaum entdeckten. Mautz wurde erst im Frühjahr gefunden, als abgelöste Fellfetzen an die Oberfläche trieben und verleitete der Familie den Swimmingpool, der nie mehr befüllt wurde. Schon damals hatte er Karl angetermt, ihm die Fresse zu polieren, „dass die Zähne im Arsch Klavier spielen“. Sie, verklärende Post-68erin mit wirren Summerhill Erziehungsidealen, drohte ihm, ihn in den Knast zu bringen, falls er ihren Sohn anrühren würde. Als er, achtjährig, dem Familienhund, einem mit selbst für seine Rasse außerordentlichem Schwachsinn geschlagenem Retriever, kastrierte, indem er ihm ein Gummiband um die Eier nestelte, was von den Erwachsenen zwei Wochen nicht bemerkt wurde bis es zu spät war und Dr. Fälzer das eingeschrumpelte, Backpflaumen in Form und Farbe nicht unähnliche Gehänge mit einem Schnitt der Verbandsschere abtrennen konnte, war das Maß voll.
So schlimm war es nicht, aber die Backpfeifen hinterließen rote Striemen und der verweichlichte Karl schrie wie bei einer Amputation ohne Narkose. Sie zog mit Karl in ein Hotel nachdem sie bei der Polizei und einem Arzt waren. Er bemerkte mit plötzlichem Erwachen, dass ihm sein Lebenssinn entglitten war. Sinnsuche ist tagesabhängig wie die wechselnden Parolen einer eingekesselten Armee.
Vielleicht war er guten Willens, als er sie zu einer Wanderung am Fuße des Donnersbergs einlud und wollte die Aussöhnung. Vielleicht hatte er aber auch schon einen Plan. Oder er hatte einen Plan und war dennoch guten Willens, wer kann das wissen? Später, nachdem sie ihn zu ruinieren versprochen hatte und er sie an dem aufgelassenen Steinbruch zwischen Imsweiler und Schweißweiler in den Abgrund stieß, erinnerte er sich an den Turm erst, als sie sich bereits im freien Fall befand.