Horst war zwanghafter Tellerleeresser, Schuheauftrager und Kleiderverwerter.
„Iss deinen Teller leer, in Afrika hungern die Kinder,“ hatte ihn seine Großmutter drangsaliert. Dabei hatte sie ihm Bilder aus Illustrierten gezeigt, auf denen Negerkinder mit skelettartigen Gliedmaßen und aufgedunsenen Bäuchen zu sehen waren. Die Bäuche waren so prall wie der von Hasso, dem Schäferhund seines Freundes, der im Sommer verendet und erst nach einer Woche gefunden worden war. Die großen Jungs sagten mit Kennermine, er sei durch die Verwesungsgase so angeschwollen und behaupteten er sei mit einem Plopp-Geräusch geplatzt und die verflüssigten Innereien seien durch die Gegend gespritzt als sie Steine auf ihn warfen. Aber das glaubte er nicht. Einen kausalen Zusammenhang zwischen seinem Aufessen ungeliebter Speisen und der Linderung der afrikanischen Hungesrnot herzustellen versuchte er auch als Erwachsener nicht. An ihm sollte es jedenfalls nicht liegen, wenn Hungerhaken mit Schmerbäuchen durch die Sahelzone irrten. Es vermittelte ihm die vage Vorstellung, dass alles irgendwie zusammenhängt.
In dieser Zeit las ihm seine Großmutter vor dem Zubettgehen Märchen vor. „Das Mädchen, das auf Brot trat“ von Andersen verfolgte ihn bis in seine Träume. Wie konnte das Mädchen aus Eitelkeit ein für die alten hungrigen Eltern bestimmtes Brot in den Morast werfen, um seine neuen Schuhe nicht zu beschmutzen?! Er konnte das Brot riechen, es war ein runder Laib, frisch gebacken, die Kruste aufgebrochen und zum verbotenen Abbrechen kleiner Stücke einladend. Er konnte das satte Schmatzen des Morastes hören als das Mädchen das Brot, die gewölbte Seite nach unten, damit die Oberseite flach und gut begehbar war, in den Matsch warf.
Zu Schuhen hatte er nie ein spannungsfreies Verhältnis entwickelt. So lange er sich erinnern konnte, war er als Schuhmörder gebrandmarkt. Wenn der Schuhhändler, der jeden zweiten Samstag mit seinem voll gepackten Opel Olympia Kombi das Walddorf heimsuchte, nach mehreren Anläufen endlich etwas halbwegs Annehmbares in Form, Farbe und vor allem Preis dabei hatte, wollte er die Geduld der Erwachsenen nicht weiter strapazieren, indem er noch Ansprüche an Passgenauigkeit stellte. Ein weiterer Grund für seine schnelle Entschlossenheit war, dass er dem Schuhverkäufer, einem südländischen Typ mit pomadisiertem Haar, das schwarz wie Rabenfedern und glänzend wie die Lacktüren des Schlafzimmerschrankes war, keinen Grund liefern wollte, öfter als nötig ins Haus zu kommen, wenn Vater Samstags arbeitete.
Nach einer sehr schmerzhaften Erfahrung mit zu kleinen, bestätigte er das Passen nur noch bei zu großen Schuhen. Dadurch wurde sein Gang unbeholfen und in seiner Unsicherheit stieß er öfter an. Zusammen mit seinem Drang, alles, was sich irgendwie dazu eignete, zum Kicken zu benutzen, ob Ball, Glücksklee Dose oder Roßkastanien, hatte dies zur Folge, dass schon nach dem ersten sonntäglichen Gottesdienstbesuch Lederfetzen von den Schuhspitzen abstanden wie Schorf von seinen immer lädierten Knien. Der Versuch, die Beschädigungen durch das Knien als Messdiener vor dem Altar zu erklären verfing nur bei Großmutter, die ihm fürs Ministrieren das Taschengeld auf eine ganze Mark verdoppelte, setzte aber eine Ohrfeige von Mutter – für die Lügerei.
Es bedurfte keiner psychologischen Kompetenz, um die Wurzeln seines Verhaltens in der Knappheit der Nachkriegsjahre zu finden. Dennoch hatte er als junger Mann im Rausch selbstverdienten Geldes versucht, diese, in Zeiten des Überflusses vermeintlich nutzlosen, Marotten abzulegen. Als Resultat warf er Geld mit vollen Händen zu Fenster hinaus, konnte sich aber nur mit anhaltenden Gewissensbissen von einem nicht leer gegessenen Teller trennen.
Später schloss er Frieden mit sich selbst, was ihm aber nicht half, sich leichter von Liebgewordenem zu trennen. Die Ursache zu kennen liefert noch lange nicht die Lösung. Einmal setzte er ein Paar Schuhe, das x-Mal besohlt, geflickt, gefärbt und allen sonstigen Prozeduren, die dazu geeignet sind, einer Schuh-Leiche noch Nützlichkeit abzupressen, unterworfen worden war und von dem er sich trotz der peinlichen Schäbigkeit nicht trennen konnte, auf einem Autobahnparkplatz aus, nachdem er hinein gepinkelt hatte, um ein Zurück unmöglich zu machen. Er würde nie mehr bei Dielmann einkaufen. Die Brandsohle seiner Lieblingsschuhe war gebrochen wie das Rückgrat eines unschuldigen Tieres. Vom Einschicken kamen sie zurück, behandelt wie Müll, und man bot ihm zwanzig Prozent für den Verrat eines Neukaufs. Ein betagtes, fadenscheinig gewordenes Jackett ließ er auf der Sitzbank seines Motorrads liegen, damit es „gestohlen“ werde und er sich nicht mit der Untreue der Trennung belastete.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass Horst in Gewissensnot kam, als er in einem Schaufenster einen preisreduzierten Wintermantel entdeckte, den er als für sich gemacht empfand. Er trug nämlich noch einen recht ansehnlichen Wollmantel, der es noch auf Jahre hinaus tun würde. Nachdem er das Prachtstück aus dem Fenster im Überschwang der Gefühle anprobiert hatte, musste er den Mantel haben. Es war die amour fou eines Verklemmten, der das Objekt seiner Devotion allerdings nicht ansprechen würde, bevor die Ehefrau beseitigt war.
Ein rein humanitärer Beweggrund kann also verneint werden, obwohl er sich dies nicht selbst eingestand, als Horst an einem Dezembertag in dichtem Schneetreiben einen Penner ansprach, der einen, zugegebener Maßen verschlissenen, jedoch noch durchaus passablen Mantel trug und ihm seinen Mantel, den er gerade trug, anbot. Der Penner war wohlgenährt und von Physiognomie und Sprache ein wackerer Spross des Pfälzer Waldes. Mit dem natürlichen Misstrauen dieses Menschenschlags, gepaart mit der Erfahrung der Straße fragte er: „Iss er geklaut?“ Er ordnete Horsts Entrüstung richtig ein und behandelte ihn von nun an mit der kaum merklichen Herablassung, die man in dieser Gegend für geistig Minderbemittelte reserviert hat. Als Kenner der menschlichen Abgründe wusste er instinktiv, hier war mehr zu holen als ein fast neuer Wintermantel. Die direkte Anrede, die ein Du oder Sie gefordert und somit Farbe bekannt hätte, meidend, verwickelte er Horst in ein Gespräch, in dessen Verlauf er dessen Seelenlandschaft erkundete. Von seinem Stolz sprach er dann, von den abrupten Kurven des Schicksals, die ihn aus der Bahn schleuderten, weil er zu gradlinig war, nicht abgezockt genug. Von der Kälte der Gesellschaft sprach er, von dem bevorstehenden Fest, das er fern von der Mutter verbringen müsste, weil ihm das Geld fehlte für die Fahrkarte, für ein kleines Geschenk. Nein, einen neuen Mantel brauchte er nicht, wenn sein Leben ringsum in Fetzen hing.
Horst machte den Fehler, zusätzlich zum Mantel noch zehn Euro anzubieten. Die Entrüstung des Penners war ähnlich, als hätte er Sharon Stone fünfzig Euro für ein Nacktfoto geboten. Inzwischen war Horst überzeugt, wirklich aus tiefster mitmenschlicher Regung ein gutes Werk zu tun und dauerhaft regelnd in das Schicksal eines unverschuldet Gestrandeten einzugreifen, was ihm ein trunkenes Hochgefühl verschaffte. Sie verbrachten zwei Stunden in einem nahegelegenen Lokal, wo sie mit steigendem Alkoholpegel wagehalsiger werdende Zukunftspläne für den Penner entwarfen. Weihnachten bei der Mutter, dann neu eingekleidet, ab in den alten Beruf, noch einmal richtig dranklotzen. Kurz vor Mitternacht standen beide vor dem Geldautomaten der Sparkasse, wo Horst mit seinen beiden Bankkarten jeweils das fünfhundert Euro Tageslimit abhob und es Viktor, so hieß der Penner, und sie duzten sich längst, übergab, damit er den Zug nach Hamburg um 0.06 Uhr noch schaffte.
Als Viktor Horst einige Tage später auf dem Marktplatz um einen Euro anbettelte, war kein Wiedererkennen in seinen glasigen Augen. Horst war müde als er den Euro aus der Geldbörse nahm. Er spürte, wie ein Stück Unschuld von ihm abfiel wie eine eingetrocknete Gesichtsmaske, doch darunter spürte er die Zuversicht der Gewinner, die Almosen aus Stärke verteilen.
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