Ralf war Durchschnitt mit verkorkstem Leben, weil man Überdurchschnittliches von ihm einforderte. Als frühen Beweis seiner Lebensuntüchtigkeit hatte der Dreijährige eine Tasse frisch aufgebrühten Kaffee vom Tisch gezogen. Die Brandwunde auf der Wange heilte, doch hinterließ sie eine rote Narbe wie ein flammendes Kainsmal. Die Kinder hänselten ihn damit und nannten ihn „Rotbäckchen“; später mieden ihn die Mädchen und nannten ihn „Makaken Arsch“. Die schönsten Jahre seines Lebens war die Studienzeit in Heidelberg. Die Juristerei entsprach zwar nicht seinen Neigungen, doch der dynastisch denkende Vater gefiel sich in der Rolle des Begründers einer juristischen Familientradition. Schnell fand er unter den Kommilitonen einen Freund, und Krankenschwester Iris, eine lokale Schönheit mit wilder Blondmähne und zartem Schamflaum schenkte ihm ihre Gunst. So verlor er am Neckar seine Unschuld und vielleicht auch sein Herz, was beides wahrscheinlich nur einmal möglich ist und hatte den besten, genau genommen den einzigen Sex seit er als 14-Jähriger den Job des Hundesitters bei den Nachbarn verloren hatte. Sie hatten Heiratspläne. Er trat in die väterliche Kanzlei ein, Iris zog in seine Stadt, obwohl er es nicht wagte, sie den Eltern vorzustellen. Er wohnte bei den Eltern und verschaffte ihr eine Stelle im San-Bereich des Gefängnisses. Sie mietete eine Wohnung in der Nähe, wo sie für ihn kochte, wenn er von zu Hause weg durfte. Irgendwann befand ihn sein Vater alt genug für eine eigene Familie und lancierte die Heirat mit Regina. Dass die beiden Vornamen den gleichen Anfangsbuchstaben hätten, sei doch ein romantisches Zeichen, meinte seine Mutter. In einer Anwandlung von Rebellentum sagte er, auch ein Rhinozeros erfülle dieses Kriterium, ohne zu ahnen, wie bald sich dies, zumindest auf die körperlichen Ausmaße Reginas bezogen, bewahrheiten sollte. Iris weinte, aber nicht allzu lange. Bald traf sie einen robusten Ausländer, der ihrer devoten Grundeinstellung entgegenkam und wurde schwanger und Ehefrau. Regina, junge, zielstrebige Stationsärztin, mit früh erkennbarem Hang zur Fettleibigkeit, hatte die Dominanz aus den prallen Brüsten ihrer Männer-knechtenden Mutter gesogen und ließ keinen Zweifel daran, wer in der Jungfamilie die Hosen anhatte. Bald wurde er nur noch „Regies Boy“ genannt. Das traute Glück etablierte sich in der Einliegerwohnung des elterlichen Anwesens, so dass Ralf unter der Doppelfuchtel von Vater und Ehefrau stand. Seinen Hang zum Bonvivant gewöhnte ihm Regie schnell ab. Er war auf Alkoholverzicht gesetzt und musste zu einer Zeit, als die Zigarette noch Attribut der Männlichkeit war, lange bevor sie zum Objekt orallastiger latent Schwuler umgedeutet wurde, zum Rauchen auf die Terrasse. Nach der Geburt der Kinder beschränkte sich das Interesse seiner Gattin an ihm auf observierende und sanktionierende Maßnahmen. Er täuschte politisches Interesse vor, trat einer Partei bei, wo er bei den wöchentlichen Versammlungen trinken und im Warmen rauchen konnte. Er nahm heimlich wieder Kontakt zu Iris auf , die ihr leidendes Selbstwertgefühl mit den Wassern seines Flehens erquickte ohne ihn zu erhören. Die Kanzlei lief eher schlecht als recht, obwohl er Iris gegenüber wider besseres Wissen den großen Gewinner gab, die Fälle, die er übernehme gewänne er samt und sonders. Große Fälle fanden nicht in seine Richtung, ein Eierdieb hier, ein Verkehrsrowdy da, eine Scheidung und auch Mal ein wenig pöbelndes Gesocks als Pflichtverteidiger, für das er sich schämte. Mit der Zeit verlor er seine Integrität, manus manum inquinat, eine Hand beschmutzt die andere. Die Jahre vergingen mit der dumpfen Reue und vagen Gewissheit, etwas Wichtiges fehle in der Mixtur, die ihm das Leben als Grundausstattung mitgegeben hatte. Oft fühlte er sich wie Knetmasse in der Spielkiste eines ungezogenen galaktischen Babies, das ständig alles wieder zerdrückte, was in schönen Ansätzen geschaffen war. Er fürchtete Regie, aber die Furcht hatte etwas Ordnendes, er fühlte, ohne sie verlöre er die Orientierung, als sie ihm mitteilte sie werde ihn verlassen. Er kannte den Kollegenspott hinter seinem Rücken, er habe die Höchststrafe, weil er jede Nacht mit Regie im selben Bett schlafen müsse. Er erinnerte sich auch noch an den Spruch des betrunkenen Vaters, der den Playboy unter seiner Matratze gefunden hatte: Junge, koitieren ist nicht halb so schön, wie du dir das beim onanieren vorstellst. Doch jetzt brach Leere über ihn herein, wie aus einem geborstenen Staudamm der Verzweiflung. Er versuchte bei Iris ernsthaft Trost zu finden, ein wenig Anlehnung, und erfuhr, dass sie sich regelmäßig mit einem überheblichen Macho traf, den er verabscheute und der sich über ihn lustig machte. Nachdem diese letzte Hoffnung, der Traum, mit der Jugendliebe die Schwelle zum Alter zu übersteigen, vernichtet war, versuchte er Regie umzustimmen. Das steigerte ihre Verachtung und sie sagte es ihm. Er hatte nun die Freiheit, nach der er sich sehnte und wusste nichts damit anzufangen. Manchmal, in Vollrausch, sah er den zurückgelegten Weg seines Lebens ganz klar und deutlich. Erkannte die Gabelungen, wo er hätte abbiegen müssen, Einhalt gebieten, sich und anderen. Schmerzliche Unzulänglichkeiten, die nur Bequemlichkeit und fehlende Entschlossenheit waren. Zuviel Eigenliebe, um sich selbst wehzutun, das Laster der Verlierer. Mangelnder Siegeswillen, kaschiert als Wahrung eines Niveaulevels. Instinktiv, wie der Ochse von der Kraft des Stieres weiß, war ihm klar, dass es für wirkliche Gewinner kein Niveau gibt. Sie kämpfen in der Jauchegrube, wenn es sein muss und entsteigen ihr, duftend wie eine Rose. Wenn er besoffen genug war, sah er den beschmutzten Verlierer, der er geworden war und weinte bis er Entschlüsse fasste, die er am Morgen vergessen hatte. Regie blieb, unter Verdun-Bedingungen, auch ihr fehlte die Kraft zum wirklichen Sieg, weshalb sie sich mit seiner Demütigung begnügte. Sie war sich seiner sicher und machte ihn verächtlich. „Sie sprach von Liebe, aber er hatte kein Geld dabei“, war eine ihrer Lieblingsspitzen, wenn er spät heim kam. Worauf er antwortete „Lieber sich nach einer Frau sehnen, die man nicht haben kann als eine haben, die man nicht will“ und ging in sein Zimmer im hinteren Teil der Wohnung.