Das letzte Tageslicht hatte sich in die Dämmerung geschmiegt, die inzwischen längst in die Dunkelheit geflüchtet war. Er saß seit Stunden in einer Kuhle dicht am Rande des Abgrunds. Gras und herbei getriebene Blätter machten sie zu einem weichen Lager. Die Ebernburg auf der anderen Talseite, dunkel und verlassen, war nur als Umriss gegen den Nachthimmel wahrnehmbar. Warum er ausgerechnet hier herkam, wusste er nicht. Vielleicht die Sehnsucht nach einem außergewöhnlichen Schlusspunkt. Das Ryolith-Massiv über der Nahe ist die größte Steilwand zwischen den Alpen und Skandinavien. Oder die uneingestandene Sehnsucht nach Rettung durch den Berggeist des Rotenfels, der schon den jungen Franz von Sickingen sicher geleitet hatte.
Dabei war Werner Cambeis nur in eine Wahrnehmungsfalle geraten, wie es uns allen auf sämtlichen Wahrnehmungsebenen ständig passiert, ohne dass dies in unser Bewusstsein dringt. Ein und die selbe Sache hat verschiedene Dimensionen und Perspektiven, die Wahrheit ist an den Augenblick gefesselt. Nicht nur visuell oder begrifflich, das ist leicht nachvollziehbar. Schau dir den Necker´schen Würfel oben an. Einfach drauf starren. Zunächst siehst du das Quadrat 1,2,3,4 vorne, plötzlich, ohne dein Zutun und ohne, dass du es verhindern kannst, bemerkst du, dass das Quadrat 5,6,7,8 „in Wahrheit“ vorne steht. Anderes Beispiel. Eine Definition für Wankelmut lautet „heute so, morgen so“. Standhaftigkeit lässt sich jedoch mit den selben Worten beschreiben, nur mit anderer Betonung. Einmal „heute so und morgen so“ und einmal „heute so und morgen so“.
Werner war mit Alexander befreundet seit, ja eigentlich seit immer. Der Spielplatz, auf dem sie gespielt hatten, existierte noch am May-Plätzchen, ihre alte Schule hatte vor ein paar Jahren neue Fenster bekommen und in dem Cafe, in dem sie die Schule geschwänzt hatten, wurde die Cola noch immer schal serviert, als quirle man die Kohlensäuere aus dem Gertänk bevor man es serviert. Kurz, sie waren beste Freunde. Keiner kann sich an einen Streit erinnern, nicht einmal an eine Schlechtwetterfront in ihrem Verhältnis. Ihre Ehefrauen konnten nicht miteinander. Aber das kam ihnen nicht ungelegen, so hatten sie ihre Sonntagmorgen für sich alleine.
Heute waren sie auf den Remigiusberg gefahren. Nach einem deftigen Mittagessen saßen sie mit ihren Biergläsern auf der Terrasse und genossen den Fernblick, der so schön war, dass es ganz tief sehnsüchtig schmerzte. Sie sprachen es nicht an, wussten aber, dass es der andere auch fühlt. Märkte waren ein Thema, sie lachten über die hilflose Entkräftung nach Stimmenmaximierung lavierender Politiker und spotteten über einen Bekannten, dessen Ehefrau für eine Woche spurlos verschwunden war. Beweise gab es nicht, doch jeder wusste, dass sie mit seinem Freund durchgebrannt war.
Gegen zwei Uhr nachmittags waren sie in der Stadt zurück und Werner legte sich für ein Mittagsschläfchen auf die Couch. Irgend etwas war nicht in Ordnung. Er fühlte sich in einer Falle, die jeden Moment zuschnappen würde. Nichts Benennbares. Alleine, befreit vom Gruppenzwang, den gehörnten Ehemann lächerlich zu machen, empfand er Mitleid mit dem Bekannten. Es schien ihm, als hätten auch Gefühle ein Verfallsdatum. Er dachte an Beate, seine Frau, die er noch immer liebte, ohne die er sich sein Leben nicht vorstellen konnte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch zugeben, dass er sich manchmal wünschte, alleine, frei und ledig zu sein. Niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Auf den herausfordernden Blick der Assistentin der Geschäftsleitung, die ihren knackigen Arsch in schwarze Röcke presste, als seien diese direkt auf die Haut gemalt, Mann-gemäß zu reagieren. Sich auf einen Quickie auf der Damentoilette einlassen, anstatt sich einzureden, wenn er ihr den Fummel von den Hüften zerren würde, käme auch nur schwabbelige Cellulitis zum Vorschein. Einmal, ganz am Anfang ihrer Ehe war die Beziehung beinahe schief gelaufen. Ein schlimmer Fall, damals. Sie war ausgezogen, hatte, wie sie sagte, zwei Wochen bei ihren Eltern verbracht. Und plötzlich wusste Werner, was falsch war, was er den ganzen Nachmittag schon wusste, was in seinem Magen brodelte, wie drei nüchtern geschluckte Aspirin.
Als Alexander die Tür öffnete, sah er das Wissen in Werners Augen. Er ging vor, setzte sich wieder in seinen Sessel und nippte wortlos an seinem Sauternes. Es gab nichts zu sagen. Werner griff nach einer der Holzskulpturen, die Alexanders Frau aus Langeweile fertigte.
Es war spät geworden, unten, auf den Straßen von Bad Münster am Stein fuhren längst keine Autos mehr. Ein leichter Nachtwind war aufgekommen. Die Straßenlaternen in der Ferne schienen zu flackern. Er stellte sich vor, wie lange er nach dem Sprung in der Luft sein würde. Fragte sich ob er den Aufschlag spüren würde, ob er einen metallischen Geschmack im Mund haben würde, wie immer, wenn er plötzlich starke Schmerzen spürte.
Gegen Morgen stellte sich mit der Müdigkeit und dem Frösteln die Gleichgültigkeit ein. Er fuhr nach Hause zurück. „Im Büro“, antwortete er auf Beates Frage, wo er gewesen sei. Sie war diese Antwort gewohnt, sie verdächtigte ihn seit langem, eine Geliebte zu haben und wäre nur schwer von der Wahrheit, dass es nicht so war, zu überzeugen gewesen, wenn es jemand versucht hätte. Die Polizei vernahm ihn zwei Tage später. Er berichtete von dem Ausflug auf den Remigiusberg, von seinem Mittagsschlaf und seiner Arbeit im Büro. Alexanders Ehefrau war unausgesprochen die Hauptverdächtige, der aber nichts nachzuweisen war. Soviel Gewalt, die vollkommenen Zerstörung des Gesichts, kein Knochen war intakt geblieben – deutete auf eine Beziehungstat hin. Es würde lange dauern, bis er mit seinen Sonntagmorgen wieder etwas anfangen könnte. Die Rilke Zeile: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ war sein ständiger Begleiter. Am Donnerstag Abend überraschte er Beate mit der Ankündigung, er werde künftig im Zimmer ihres Sohnes schlafen, der ohnehin nach dem Studium nicht mehr zurück kommen würde.
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