Schwer schlug die schwielige Hand an die Haustür aus Kiefernholz. Eine Klingel besaßen sie nicht, tagsüber stand die Tür offen, nachts erwarteten sie keinen Besuch. Sie schreckte hoch, als er schon auf dem Weg zum Fenster war. Während er leise aus dem Fenster sprach, war sie schon wieder in die Sicherheit des behüteten Schlafes geglitten. Er zog sich hastig im Dunkeln an und stieg die knarrende Treppe des ehemaligen Bauernhauses hinab. Er bedeutete dem enttäuschten Setter, dass er nicht mitkommen könne. Fröstelnd überquerte er die Straße, seinen Atem als wabberndes Band hinter sich herziehend, und trat in den Kuhstall. Der Nachbar trug seinen speckigen Hut, der einmal olivgrün gewesen war, und dessen Cord-Rillen teilweise abgegriffen oder durch Schmutzanlagerungen eingeebnet waren, in schüchternem Winkel auf dem Kopf. Es war kurz nach drei Uhr morgens, die Bäuerin stand nervöshändig in einer Ecke, der Sohn ging verlegen den Mittelgang auf und ab. Zwei Männer aus der Nachbarschaft, die ebenfalls geweckt worden waren, unterhielten sich halblaut und schleppend. Die Augen der Kuh waren Schmerz-geweitet, sie dünstete Erschöpfung aus.
Sie wollten aus der Stadt raus. Vom schlechten Umgang wollte sie ihn fernhalten. An seinen abgeheilten Armen hatte sie neue Einstiche entdeckt. Er würde alles machen, wenn sie nur bei ihm bliebe, er sei verloren ohne sie, sagte er, zur Rede gestellt. Kinder würden sie haben, auf einem Bauernhof leben, Schafe und Ziegen züchten. Arbeiten würde er, bis ihm das Blut unter den Fingernägeln hervorquellen würde. Nur nicht verlassen solle sie ihn. Sie solle ihm und sich eine Chance geben. Er hatte einen ausgefeilten Plan für die Zucht von Weinbergschnecken entworfen. Sogar die Vertriebswege geplant. Weinbergschnecken sind Zwitter, können beide Geschlechter annehmen. „Meine Schneckchen“, sagte er oft zu ihr, „harte Schale aber weiches Inneres“. Mit Unbehagen dachte er an den Waldweg, wo der Zwölfjährige einen Scheiterhaufen aus Reisig errichtet und eine Schnecke bei lebendigem Leib gebrutzelt hatte. Selbst im Schmerz blieben ihre Zuckungen Zeitlupengeschwindigkeit, weißlich blubberte der brodelnde Schaum, mit dem sie sich gegen die Hitze schützen wollte. Doch einem Scheiterhaufen kannst du nicht mit den Mitteln beikommen, die dich vor dem Austrocknen durch die Sonne bewahren. Am Abend kam er zurück, wie der Mörder zur Grube. Aus Reue, aus Mitleid, als Läuterung, aus Neugier. Neben dem bisschen Asche, auf die Seite gerollt lag die Schnecke. Über und über bedeckt mit Ameisen. Er weinte nach innen und überschwemmte seine Seele. Am Abend vermied er den Blickkontakt im Spiegel. Plötzlich wusste er, zum ersten Mal, dass er nicht gut war. In dieser Gewissheit lebte er zehn weitere Jahre, bis er reif war, zu wissen, dass niemand gut ist. Dass Gut-sein sich nicht mit Mensch-sein vereinbaren lässt. Bis er sie traf. Alle Liebenden sind gut, weil die Welt sie beschenkt hat. Er spürte die Läuterung durch das Essenfeuer der Liebe. Das Glück würde ewig währen, in kleinerer Münze als Ewigkeit handelt die Liebe nicht.
Er hatte das leichte Leben auf den Trottoirs eingetauscht gegen Zehn-Stunden-Plackereien. Für das bereitwillige Lächeln der Sommermädchen in knappen Röcken und prallen Schenkeln mit weichweißem Flaum, der die Zunge trocknet, hatte sie ihn mit ihrem Wohlwollen entschädigt. Dann setzte die Traurigkeit ein. Er nahm das Näherkommen der Gewohnheit wahr, der großen Feindin der Liebe. Die sich über sie her macht mit huschendem Trippeln wie eine Mäusearmee den Kornspeicher überfällt. Wenn sie sich an ihn schmiegte, darbietend erst, dann fordernd, machte die Müdigkeit die Wonne zur lästigen Pflicht. Ihre Gespräche wurden flach und alltäglich. Die Schwingen ihrer Gedanken trugen nicht mehr hoch, waren verklebt mit Trivialem.
Die Färse kalbte zum ersten Mal. Den Tierarzt zu holen würde den schmalen Gewinn auffressen. Früher machte der Vater des Bauern den Geburtshelfer. Er war vor einem halben Jahr gestorben. Aus Ekel, Scheu oder Angst, etwas falsch zu machen, brachte es keiner über sich, in die schleimige geheimnisvolle Höhle zu greifen und Hand anzulegen. Seine einzige Qualifikation bestand darin, dass er sich nicht ekelte. Er zog Jacke und Hemd aus und tastete sich in die Kuh. Das Innere war wohlig warm, er fühlte das Kalb, das sich quer gelegt hatte, um seiner Geburt in die kalte Nacht zu entgehen. Er fühlte eine Müdigkeit, von der er wusste, sie würde bleiben wie die Enttäuschungen. Sehnsucht überkam ihn, zurückzugehen in die dunkle Geborgenheit, zu liegen mit angewinkelten Beinen, dem Daumen im Mund. Er richtete das Kalb aus, wie es bald der Metzger tun würde, band einen Strick an das rechte Hinterbein. Die Männer zogen ernst, mit vereinten Kräften. Das Kalb lag am Boden, die Bäuerin entfernte Fetzen der Fruchtblase, die sich über den Nüstern festgesetzt hatten, rieb es mit Stroh ab, um das Lecken der Mutter vorzutäuschen, die zu matt war und sich kaum auf den Beinen halten konnte. Sie molk das Kolostrum, die erste Milch, die für das Immunsystem des Kalbes so wichtig ist, und flöste sie ihm ein. Der Bauer und sein Sohn trugen das Kalb in eine vorbereitete Stallbox. Nie wieder würde es Kontakt mit der Mutter haben. Milchersatz würde es für die zweiundzwanzig Wochen bis zum Schlachten aus dem Eimer trinken, nie das Gras einer Weide unter den Hufen spüren und ausgelassene Bocksprünge in der Frühlingssonne kaprizieren. Wenn sich der Frühling als leises Ahnen in der südlichen Brise ankündigen würde,würden sich seine Nüstern nicht erwartungsvoll in den Wind drehen, seine Beine, in Scheiben geschnitten, garniert mit Cremolata, würden als Ossobuco vor sich hin dünsten, während seine Mutter, Opfer freudloser Besamung, in ihrem Stallverschlag dem nächsten Klaben entgegendämmert.
Er fühlte sich schuldig, wie hatte er denken können, eine Chance zu haben. Er trank den widerlichen Korn, wie es Brauch war und lachte über die erleichterten Witze. Er ging zurück, das Schlafzimmer betrat er nicht mehr. In der Küche wusch er sich drei Mal. Ohne es zu wissen vollzog er das Ghusl, die rituelle Leichenwäsche. Er fuhr zurück in die Stadt. Als er am Nachmittag neben der Unterführung im Stadtpark gefunden wurde, hatte er seinen Gürtel noch um den Arm geschlungen. Die ihn gesehen haben, sagten er habe friedlich und zufrieden ausgesehen; eine, die ihn sehr gut kannte, sagte „erlöst“.
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