„Jeder Mann wird sich schäbig fühlen, wenn er nicht irgendwann einmal Soldat war.“ Dieser bescheuerte Satz stammt von einem englischen Beknackten. Doch nach meiner Erfahrung stimmen die meisten Sentenzen – oder ihre Umkehrung. Du fühlst dich irgendwann schäbig, wenn du Soldat warst. „Ein Mann darf nie von einem Mann Befehle annehmen.“ Das ist einer meiner Leitsprüche für´s Extreme. Er ist nicht zutreffend, auch nicht in seiner Umkehrung, aber er hilft durchzuhalten.
Dennoch möchte ich die fünfunddreißig Tage meines Soldatseins um nichts missen. Wehrdienstverweigerung empfand ich als Feigheit vor dem Feind. Schon im Bahnhof wurden Wetten abgeschlossen, wie lange ich meine Mähne behalten würde. Anfänglich war´s noch lustig. Man sah den Pausenclown in mir, man war doch schon mit anderen Kalibern fertig geworden. Mein Nachteil in militärischer Hinsicht war mein Unvermögen, eine Strategie zu entwickeln, da ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Nach Clausewitz´scher Definition stand mir auch das Mittel der Operation nicht zur Verfügung. Somit war meine Taktik eine reine Stegreif-Aufführung. Einzig mein Kriegsziel war klar: so schnell wie möglich weg! Auf feindlichem Terrain ausgesetzt, hat Überleben und Rekognoszieren erste Priorität. Ich meldete mich also jeden Morgen mit Rückenschmerzen zum Krankenrevier der Pionierkaserne Koblenz, wo ich bis zum Mittagessen blieb. Rückenschmerzen sind nicht beweisbar, und Wartezimmer, egal wo, sind Tratschzentren.. Als ich eines Tages von San-Bereich kommend über den Kasernenhof schlenderte, es war noch etwas früh für das Mittagessen, begegnete mir das uneheliche Kind Napoleons mit einem Rubensmodell in einer dieser grauen Maskierung, mit der sich die Kasernisten von Zivilisten zu unterscheiden versuchen. „Können Sie nicht grüßen !!!“ Das war keine Frage, das war eingeübter Urschrei. Als ich dem Männchen erklärte, dass ich ihn nicht kenne, ihm aber trotzdem einen guten Tag wünsche, jedoch kein Grund für ihn sähe, laut und unhöflich zu werden, wurde er irgendwie hilflos. In normalem Tonfall wollte er wissen, zu welcher Kompanie ich gehöre. Selbst wenn ich gewollt hätte, und ich wollte wirklich nicht -ich hasse nämlich kleine Tonnen, die erst machen als seien sie der Käs und dann stinken sie nur - hätte ich ihm keine verwertbare Auskunft geben können. Ich kannte weder Truppengliederungen noch kann ich bis zum heutigen Tag Dienstgrade an Uniformverzierungen besser ablesen als die Zukunft aus Handlinien. Das „Fässchen“ stellte sich als Bataillonskommandeur heraus. Die Einschüchterung, die bei mir misslang, funktionierte umso mehr beim Kompaniechef, der wiederum einen Feldwebel einschüchterte, der mich einschüchtern sollte. Beim Militär macht keiner etwas selbst, solange er jemandem befehlen kann.
Die nächsten Wochen verbrachte ich damit, Sandgruben für das Getriebe der Kompanie aufzutun und straffrei zu sabotieren. Wir sollten in gerader Linie marschieren lernen, indem wir in Dreierreihen aufgestellt einen Besenstiel vor uns hertrugen, der die Ausrichtung gewährleisten sollte. Es war schwer sich dem Kollektiv zu entziehen und immer, wenn der Ausbilder „links“ schrie, den rechten Fuß vorzusetzen, mit der Folge, dass die Reihe schief wurde und der dahinter marschierende Zug ebenfalls aus dem Tritt kam. Mangelndes Koordinationsgefühl ist ebensowenig strafbar wie meine Unfähigkeit, meinen Spind aufzuräumen. Dass ich dem Feldwebel nach einem anstrengenden Nachtmarsch im Regen, den ich als Innendienstkranker mit Rückenbeschwerden nicht mitmachen konnte, einen Eimer Wasser in die Schuhe goss, als er mir diese zum Säubern hinstreckte, war ebenfalls ein nicht ahndbares Versehen. Bei Feindbeobachtung und anschließender Meldung übertrug mir mein Leidensgenosse das Schreiben der Meldung, die sich dann intensiv mit der Flora und Fauna des Truppenübungsplatzes beschäftigte.
Plötzlich trat Ruhe ein. Ich befürchtete schon, man würde mich einfach herum hanswursten lassen und mich ignorieren. So würde ich nie entlassen. Meine Befürchtungen waren unbegründet. Eine Armee kann es sich nicht leisten, einen Langhaarigen, der weder militärisch Grüßen noch marschieren konnte, dessen Uniform immer falsch geköpft und schmutzig war, dem man kein Gewehr in die Hand geben konnte, nicht dass er es verweigert hätte, es fiel ihm nur ständig zu Boden und die mechanischen Teile waren kaputt, mit schlurfendem Schritt nachmittags über den Kasernenhof schleichen zu lassen. Also bekam ich die kriegswichtige Aufgabe, die Toiletten und den Flur zu putzen. Für die Toiletten bekam ich ärztliche Dispens, nachdem ich mir mehrmals den Finger in den Hals gesteckt und den Eingangsbereich vollgekotzt und behauptete hatte, bei der Idee alleine schon die Gäsegichtere zu kriegen. Den Flur befeuchtete ich mit einem feuchten Tuch, eine Methode die sich von echtem Putzen nicht mehr unterscheidet als Haarewaschen von Trockenschampoo. An einem schönen Sommernachmittag stand der krakeelende Feldwebel hinter mir. „Ich will Wasser sehen!“ Schrie´s und war weg. Ich setzte den Feuerwehrschlauch am Ende des Flurs in Gang und hielt drauf. Lange hat es gedauert, bis die Stuben des Stockwerks vollgelaufen waren und das Wasser zwei Stockwerke tiefer sich unter der Tür der Wachstube seinen Weg bahnte. „Abdrehen!!!“ (Er) „Bitte???“ (Ich). Das mehrmals, bis er durch den von mir in die Flurmitte gehaltenen Wasserstrahl lief und selbst abdrehte. Ich hatte Zeugen für den Befehl. Die ganze Nacht habe ich getrocknet und mich am Morgen ins Bett gelegt. Auf seinen Befehl aufzustehen, begab ich mich in den San-Bereich und kam mit einem Attest, das mir wegen Erschöpfung Bettruhe verordnete, zurück. Als er mich am Nachmittag aufsuchte, lag ich mit einem Band Brecht im Bett. Nach fünfunddreißig Tagen, fünf davon wegen Befehlsverweigerung im Knast, wurde ich entlassen. Brecht lese ich längst nicht mehr, aber ich denke noch manchmal an die Abschiedsworte des Feldwebels. „Ich hoffe, dich krieg ich mal im Ernstfall.“ „Das würdest du nicht überleben“, sagte ich und war mir dessen sicher, wie man sicher nur sein kann.