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In der Falle des Falls

In der Falle des FallsDas letzte Tageslicht hatte sich in die Dämmerung geschmiegt, die inzwischen längst in die Dunkelheit geflüchtet war. Er saß seit Stunden in einer Kuhle dicht am Rande des Abgrunds. Gras und herbei getriebene Blätter machten sie zu einem weichen Lager. Die Ebernburg auf der anderen Talseite, dunkel und verlassen, war nur als Umriss gegen den Nachthimmel wahrnehmbar. Warum er ausgerechnet hier herkam, wusste er nicht. Vielleicht die Sehnsucht nach einem außergewöhnlichen Schlusspunkt. Das Ryolith-Massiv über der Nahe ist die größte Steilwand zwischen den Alpen und Skandinavien. Oder die uneingestandene Sehnsucht nach Rettung durch den Berggeist des Rotenfels, der schon den jungen Franz von Sickingen sicher geleitet hatte.

Rollstuhlfahrer

Als er den Aufschlag hörte, das nie vorher gehörte dumpfe Ploppen mit dem sich ihr Körper und der Fels vereinigten und ineinander schoben, wurde ihm die engültige Unumkehrbarkeit bewusst. An diesem Tag, als er seine Frau in den offen gelassenen Steinbruch bei Imsweiler gestoßen hatte, entglitt Horst die Kontrolle über sein Leben.

Ruine

Ich war so lange ohne Auto, dass mir die Entschleunigung des Lebens beinahe als angemessener Gegenwert zum Verlust der spontanen Fortbewegung erschien. Auf alle Fälle übertrifft die Vorstellung des Wieder-Autofahrens den tatsächlichen Genuss, den die individuelle Bewegungsfreiheit auf vier Rädern tatsächlich bietet bei weitem, was ich in meinem Alter zwar wusste, da es sich um ein Gesetz des Lebens handelt, aber erst durch die Erfahrung bestätigt haben wollte. Früher ein Kilometerfresser auf der Autobahn, der zur Not auch mal in eine Orangensaft Flasche gepinkelt hat, wenn die Zeit bis zum nächsten Termin knapp war, fühle ich mich, eingepfercht in eine rasende Blechbüchse, den Blick starr auf ausgewalzten Asphalt gebannt, fremdbestimmt. Der Entschluss, dennoch nach Paris zu fahren hatte mehrere Gründe. Seit meiner Teenager Zeit war ich mehrmals im Jahr dort. Als Pfälzer-Wald-Bub hält sich meine Affinität zu Großstädten in sehr engen Grenzen, doch fühle ich mich zu dieser Stadt hingezogen. Ich würde nie behaupten, sie zu lieben. Sie fasziniert mich, wie eine Frau mit der man seit Jahrzehnten eine sporadische Beziehung hat, die aber niemals soviel Gewissheit zulässt, dass man sich vor ihr selbstvergessen entkleiden würde.

Schizoid

Wir leben ein endliches Leben auf einem endlichen Planeten in einem endlichen Sonnensystem, das sich in einem endlichen Universum bewegt. Dieses Wissen bietet alles andere als die Voraussetzung für überbordenden Optimismus. Die sich aufdrängende Schlussforderung lautet: Früher oder später ist alles am Arsch. Wir haben also alles, außer dem geringsten Grund zur Hoffnung. Dennoch verhalten wir uns, als ob wir der Käse wären, obwohl wir nur stinken. Ein gewisses Maß an Wahrnehmungsstörung ist also für das Projekt Mensch systemimmanent; nicht zuletzt ist die Schizophrenie eine der am häufigsten gestellten Diagnosen im stationären Bereich der Psychiatrie.
Auf der anderen Seite kann jeder Einzelne von uns auf eine Reihe von Vorfahren blicken, die zurückreicht bis zur Entstehung des Lebens und ist das Endprodukt einer unglaublich erfolgreichen Evolutionskette, obwohl sie oft scheinbar unlogische Abzweigungen und Wendungen eingeschlagen hat.
Das Verdrängen, Ignorieren und Umdeuten von Fakten, das Handeln wider besseres Wissen ist für die menschliche Natur zum Überleben also unverzichtbar, womit wir, hoffentlich nachvollziehbar, bei Griechenland angekommen wären.

Schwächlingsaufstand

Jetzt schleifen wir unter Missbrauchsgeschrei alte Männer wegen ein paar Backpfeifen, die sie uns vor Jahrzehnten verabreicht haben, zusammen mit Kinderbefummlern an den Pranger. Ihre Schuld ist, nicht vor dem schnellen Zeitgeistwechsel gestorben zu sein. Schade, dass wir nicht mehr Hand anlegen können an Autoritäten z.B. des 18.Jahrhunderts. Mit heutigen Maßstäben und Rechtsnormen fängt kein damaliger Lehrer, Bürgermeister, Unternehmer, Richter, Gefängniswärter oder sonstiger Offizieller weniger als fünf Jahre. In den ersten Jahrzehnten nach dem letzten Weltkrieg haben fast alle Lehrer und alle Eltern geschlagen. Wenn du Scheiße gebaut hattest und blöd genug warst, dich erwischen zu lassen, war dir klar: jetzt setzt es einen Satz heiße Ohren. Unser Religionslehrer zerrte beidhändig an den Haaren, mit hohem Belustigungswert für die Restklasse. Unser Deutschlehrer war auf Arschtritte spezialisiert; noch heute trägt ein spezieller Tritt, der dir das Skrotum an den Bauch klatschen lässt, bei Ehemaligen seinen Namen. Uns hat es härter gemacht. Eine Ohrfeige hat mir das Trommelfell platzen lassen. Für lange Zeit konnte ich mit zugehaltener Nase Luft aus dem linken Ohr blasen. Und die Mädels meiner Klasse hielten ehrfürchtig ihre zarten Hände über meine Ohrmuschel, um den Luftstrom wie einen zarten Vogel einzufangen.


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