Ja, er hat es getan. Er streitet es nicht ab. Obwohl, wenn du mich fragst, es gehören immer zwei dazu. Und man muss die Gründe berücksichtigen, nicht so aus der Lamäng urteilen ohne den Hintergrund zu beleuchten. Er hat schließlich gelitten, über Jahrzehnte. Wenn man bedenkt wo er herkommt, die hinterwäldlerische Umgebung, wo noch heute der Pfarrer und der Lehrer Ehrfurcht erwecken. Nein, nein, mein Lieber, das bleibt nicht in den Kleidern hängen, das prägt. Da ist nichts zu machen mit der Vernunft. Die sitzt im Gehirn ganz oben, die ist neu in der Entwicklungsgeschichte.
Wenn du nachts mitten im Wald ausgesetzt wirst, was glaubst du, wie dir die Klammer geht! Jedes Rascheln stellt dir die Nackenhaare auf, jede Silhouette ist verdächtig, da drüben erkennst du einen buckligen Riesen mit Schlapphut und Cape, der fette räuberische Gnom, hat er sich nicht bewegt? Deine neue Gehirnerrungenschaft Ratio, weiß ganz genau, dass nach Mitternacht kein Räuber im tiefen Wald herumlungert, weil er keine Chance hat, Opfer zum Berauben anzutreffen. Riesen, Gnome oder gefährliche Tiere gibt es auch nicht. Aber ganz tief, wo das alte, das ursprüngliche, das dumpfe, das abergläubische, reptilische Gehirnareal regiert, wo die wirklich wichtigen Emotionen angesiedelt sind, wo Wut tobt, wo Furcht bibbert, wo Leidenschaft lodert, wo Zorn braust, dort, wo es so dunkel ist, dass wir uns schämen, dort ist alles möglich.
Ja, Egon hat – nein, wir wollen Gentlemen bleiben, der Name tut nichts zur Sache- Egon hat jedenfalls auf dem Altar im Untergeschoß der Autobahnkirche Baden-Baden eine Freundin, deren Name ungenannt bleiben soll, gebumst. Auch das ist Fakt. Sakrileg, mein Gott, dieser Bau selbst ist ein Sakrileg. Das hat doch nichts mit einer christlichen Kirche zu tun. Dieser geschmacklose Pyramidenbau aus minderwertigen Baustoffen. Wo gibt es denn so was, eine Kirche mit Fichtenbretter als Deckengestaltung. Die Fenster bestehen aus einbetonierten Glasfetzen. Sakrileg! Ich würde meinen Arsch verwetten, dass Alexander Borgia oder ein anderer der dynastisch denkenden geilen Renaissance-Päpste im Überschwang des Siegesrausches, den Job mit Bestechungsgeldern ergattert zu haben, mehr als eine Dame auf Altären flach gelegt haben. In vollem Ornat. Ein Altar ist doch auch nur ein Stein! Wenn du mehr daraus machst, ist das deine Sache, wie nachts im Wald, alles in deinem Kopf. Für ihn war das eine notwendige Befreiung. Er musste den Himmel über sich frei haben. Natürlich geht das nicht so; du kannst mir glauben, so schlau ist der auch, dass er weiß, dass das so nicht geht. Aber der Versuch, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Der Egon hat sich als Dreijähriger in einem unbeobachteten Augenblick an der Nähmaschine einen Faden durch den Zeigefinger genäht. Von da an war er überzeugt, das Himmelfahrtsbild über dem Bett seiner Großmutter zeige einen verletzten Schneider, dem er sich durch die eigene Wunde nahe fühlte. Du musst bedenken, als der klein war, hat der Priester noch Religionsunterricht mit kleinen Mädchen auf dem Schoß gehalten. Dort zu sitzen war ein anerkanntes Privilegim Dorf. Die Scham im Beichtstuhl! Ich habe Unkeuschheit getrieben. Allein oder mit anderen? Beides. Wie war das? Da blieb nur lügen als Ausweg. Und Gott sieht alles. Stell dir das vor, die totale, ständige Überwachung. Er ist aufgewachsen an einer kulturellen Zeitschnittstelle, als in den Walddörfern noch theokratisches Klima herrschte und die Existentialisten und Nihilisten in Rollkragenpullis, Sartre in der Hand und Gauloise im Mundwinkel, die Bars der Städte bevölkerten. Später, die kleinen aus Feldsteinen errichteten Altäre im Wald, auf denen er Brandopfer darbrachte, eine Schnecke, ein Käfer, auch einmal eine gefesselte Maus. Stieg der Rauch gerade auf, wie bei Abel, war er geliebt dort oben? Oder verwirbelte die Säule als Zeichen der divinen Ablehnung? Ihm war nicht bewusst, was er da machte, oder wo das hinführen könnte, wenn du so willst. Steht ja auch im Alten Testament, so weit hergeholt ist das alles nicht. Mit seinem Gerechtigkeitssinn! Der hat sich ja schon benachteiligt gefühlt, weil er die Hände beim Beten parallel halten musste. Die Protestanten hätten es einfacher, behauptete er, weil sie die Hände verschränken könnten. Das sei aber nicht der wahre Weg des Gebets. Um zu wirken, muss immer alles weh tun. Was nicht weh tut bringt dich nicht weiter. Schon als Junge, wenn er ein wirkliches Anliegen hatte, presste er sich die Hirschhorn-Schnitzerei am Querschild seiner Lederhosenträger in die Hand bis sie blutete. Savonarola war ihm ein Wohlklang, lange bevor er Vorbild wurde. Mit zwölf grillte er am Karfreitag ein Stück Fleisch im Wald, überzeugt, dass ein Blitzschlag den Frevel sühnen würde. Das Ausbleiben blieb nicht folgenlos. In seinem Umfeld kam ein Fall von Priesterweihe vor, der sein Priesterbild noch mehr profanisierte. Die verschwundene Tatwaffe? Er sagt ja gar nichts. Die Freundin behauptet, alles sei so schnell passiert, sie habe nichts mitgekriegt, weil sie noch rücklings auf dem Altar lag. Ein Instrument, das so schwer ist, dass mit einem Schlag der Schädel aufplatzt und Gehirnmasse im Umkreis von zwei Metern verspritzt kann nicht einfach verschwinden. Wo, frag ich, ist es hingekommen? Und der Priester, das Opfer selbst, wieso war der Reißverschluss seiner Hose geöffnet? Sein Gürtel so geschlossen, dass er unter keinen Umständen die Hose oben halten konnte? Seine Kleidung hatte eine auffällige Hastigkeit. Und was tat er dort? Er war nicht der Priester der Autobahnkirche. Aus Detmold, oder zumindest der Kante dort oben, kam er. Und der Schlüpfer, den er in der Jackentasche trug? Da muss ich keine Ergebnisse abwarten, das ist der von Emils Freundin. Ich bin sicher, wenn du noch ein wenig wartest, wird sich herausstellen, die Sache war nicht so einfach gestrickt, wie es die Schlagzeilen gerne hätten.
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