Sie waren drei alte Männer. Mitte siebzig. Einen Tag oder zehn Jahre vom Schlaganfall, vom Herzinfarkt oder von der Demenz entfernt. Dieses Wissen ließ sie die Gegenwart heiter und gelassen genießen. Bisweilen sprachen sie von einer Zeit, als die Gefühle noch mächtig stark, die Winter bitterkalt, die Sommer glühend heiß und die Hoffnungen noch strotzend waren. Manchmal waren sie überzeugt, dass es eine solche Zeit nur in ihrer Fantasie gegeben hat. Aber das spielte keine Rolle. Wirklichkeit ist, was man glaubt. Sie lebten zusammen aus einem spleenigen Einfall heraus, den sie vor über fünfzig Jahren hatten. „Wenn wir alt sind“, hatte Reiner an einem herrlichen Sommerabend in einem Straßencafe schwadroniert, „kaufen wir uns einen Bauernhof, wo jeder seine Wohnung hat und teilen die Kosten für das Personal.“ „Das Personal besteht aus jungen knackigen Krankenschwestern“, meinte Bernd. „Und muss Uniformen tragen“, sagte Holger, und nach einigem Sinnieren „die Uniformröcke dürfen nicht mehr als eine Hand breit sein, weil wir sparen müssen.“ „Dann lassen wir unsere Sauerstoffmasken fallen und sehen ihnen beim Bücken zu“, träumte Bernd und sah aus, als könne er die Gebrechen des Alters kaum erwarten.
Das wirkliche Leben fuhr dazwischen. Reiner heiratete eine Belgierin, die ihn an seinem vierzigsten Geburtstag für einen Neger verließ - statt Blumen. Das Letzte, was er von ihr gehört hatte,und das vor Jahrzehnten, war, dass sie im Kongo Schnaps an Holzfällercrews verkaufte. Bernd heiratete Brigitte, eine langjährige Freundin. Das war eine undurchsichtige Geschichte. Männer reden nicht über Gefühle. Aber ein Mal, es war viel Alkohol im Spiel und später hätte er es nie mehr zugegeben, hatte Holger behauptet, Brigitte sei die Liebe seines Lebens gewesen. Nur deswegen habe Bernd sie geheiratet und behandele sie so miserabel. Die Ehe hielt nicht lange, und man hatte von Brigitte seit ewigen Zeiten nichts mehr gehört. Holger hatte nie geheiratet. Sein Beruf brachte ihn viel mit jungen Menschen zusammen. Er sah es als sein natürliches Recht an, im Garten der Jugend zu wildern, auch noch in einem Alter, als er der Großvater seiner Beute hätte sein können. Das hörte, für Außenstehende völlig überraschend, schlagartig auf, als er zufällig zwei Frauen überhörte, die von ihm als Dirty old man sprachen. Danach hatte er über Jahre eine lockere, rein auf sexuelle Bedürfnisse abgestellte Beziehung zu einer Lehrerin, die ihm beibrachte, es zu mögen, mit dem Rohrstock den nackten Hintern versohlt zu bekommen. In seinem Bekanntenkreis munkelte man von Heirat. Doch er sagte, dafür sei es zu spät: „Den Ochsen muss man jung an das Joch gewöhnen, sonst hält er es nicht aus.“ Irgendwann blieb die Lehrerin aus, und Holger bemühte sich nicht herauszufinden, warum. Das war vor über zehn Jahren.
Als Pensionäre hatten sie sich wiedergefunden. Ihre Illusionen über die Liebe hatten sie eingebüßt. Während ihrer langen Gespräche wurde stillschweigend die Illusion von Freundschaft geboren und genährt. Sie hatten einen Vierkanthof am Stadtrand gekauft und renoviert, schöner als sie es sich in ihrer Vorstellung als junge Männer ausgemalt hatten. Der gemeinsame Bereich war im vorderen Gebäudetrakt gelegen. Dort hatte auch das Personal seine Räume. Alle drei waren in einer körperlichen Verfassung, die kein Hilfspersonal nötig machte, zumindest keine Krankenschwestern. Doch ohne Personal hätten die Jugendvorstellungen Entscheidendes vermisst. Die Damen, denen man bei der Länge der Uniformröcke Zugeständnisse auf drei Handbreit gemacht hatte, kamen im Wechsel aus Osteuropa und Ostasien.
Vor einem Monat war Holger aufgeregt nach Hause gekommen. Brigitte sei in der Stadt, es gehe ihr schlecht, man müsse etwas tun, man solle ihr eines der Gästezimmer anbieten. Über den vorderen Gemeinschaftsteil, wo die Gästezimmer untergebracht waren, konnte nur mit Zustimmung aller entschieden werden, und Bernd verweigerte sich. Daraufhin holte Holger Brigitte in seinen privaten Gebäudeflügel. Nach einer Woche hatte Bernd seinen Widerstand aufgegeben, und Brigitte durfte auch das Vorderhaus betreten. Vielleicht der Tatsache geschuldet, dass die Küche dort gelegen, und sie eine ausgezeichnete Köchin war.
In der Nacht war Reiner durch Geschrei aus dem Vorderhaus aufgewacht. Er bekam nur Gesprächsfetzen mit. „Du bist und bleibst eine Schlampe“, schrie Holger. Unverständliches, mit beruhigender Stimme, von Brigitte. „Du hast es damals hinter meinem Rücken mit ihm getrieben... jetzt auf dem Küchentisch... ich könnte kotzen...“, wieder Holger. Bernds sonore Stimme, schneidend, emotionslos: „Kapierst du nicht, du bist ein Loser, ein Trottel, ein Samariter, ein Hütehund, der die Schafe dem Wolf zutreibt...wenn wir deine Kohle nicht gebraucht hätten, wärst du nie hier eingezogen.“ Was Holger darauf sagte, war unverständlich. Als nächstes war Brigittes Schrei zu hören, dann ein Schuss und dann war Stille.
Nach einer Stunde kam Brigitte in Reiners Wohnung, wie sie es in den letzten zwei Wochen öfter getan hatte, nur nicht leise, diesmal. „Hast du etwas gehört?“, fragte sie. „Was soll ich gehört haben?“ Ihre Hand fühlte sich kalt an unter der Decke. „Bernd hat sein Jagdgewehr gereinigt, in der Küche, wir hatten uns unterhalten. Holger kam herein und wollte sich etwas zu trinken holen. Irgendwie hat sich ein Schuss gelöst. Wir müssen die Polizei verständigen.“ Er lag stocksteif und konnte kaum atmen. „Ich habe nichts gehört“, wiederholte er. Ihre Hand lag ganz ruhig und er schämte sich für sein pulsierendes Schwellen.