Wenn ein neugewählter Pabst aus der Kapelle des heiligen Gregor heraustritt, wird ein Bündel Werg verbrannt und man ruft ihm drei Mal zu: „Sic transit gloria mundi – So vergeht die Herrlichkeit der Welt“. Die Beherzigung dieser Weisheit ist einem Sterblichen selten gegeben. Hoffart und Überheblichkeit bilden den Straßenbelag, auf dem das Alphatier an die Spitze klettert. Applaus brandet auf vom mittelmäßigen Publikum. Doch die Spitze ist klein und umkämpft, und das Spektakel des jähen Absturzes delektiert die Zuschauer mehr als das mühsame Emporklettern.
Egon gehörte der Bevölkerungsmiderheit von 80% an, die sich selbst überdurchschnittliche Fähigkeiten zusprechen. Sei es beim Autofahren, im Bett oder im Wirtschaftsleben. Selbstwertdienliche Verzerrung heißt dieser Attributionsfehler in der Fachsprache der Sozialpsychologen. Schon früh hatte er in vierter Generation zusammen mit seinem Bruder den Medizintechnik-Betrieb vom Vater übernommen. Seine Faulheit und sein Querulantentum führten jedoch schnell zum Zerwürfnis mit dem arbeitsamen Bruder, der sich nicht anders zu helfen wusste, als ihn auszuzahlen. Die geforderte Summe, von der er auch nicht durch die eindringlichen Vorhaltungen der wirtschaftlichen Firmenberater abzubringen war, konnte nur über einen Kredit aufgebracht werden, der die Firma kurze Zeit später in die Insolvenz trieb. Die Wanderjahre, seine Bescheidenheit hinderte ihn keinesfalls an einem Vergleich mit Goethe, verbrachte er in der Südsee, wo seine Mittel ihm den Lebensstil eines Paschas ermöglichten. Diverse unschöne Hautkrankheiten, die negative Auswirkungen auf die Willfährigkeit der Insulanerinnen zeitigten, und die Syphilis bewegten ihn nach zwei Jahren zur Heimkehr. Die nässenden Knötchen bekam der Urologe auf AOK-Kosten schnell in den Griff. Als diagnostische Herausforderungen zeigten sich Sporotrichose, Tungiasis, Spirochäten, Pyodermien und was er sonst noch alles aufgesammelt hatte, die nicht alle auf Metronidazol ansprachen. Ob der schwindenden Geldmittel in Panik geraten, vertraute er sich und die übrig gebliebene Kohle Miriam an. Miriam war Engländerin und verkaufte Finanzmarktdevirate an amerikanische Militärangehörige, die der Sprachmelodie des Britischen ebenso wenig widerstehen konnten, wie ein normal veranlagter Piefke beim Schmäh einer Wienerin eine Erektion unterdrücken kann. Einige steuerliche Verwicklungen, auf die wegen ihrer Komplexität nicht näher eingegangen werden soll, veranlassten ihn, sein Vermögen auf Miriam zu übertragen, die er, als Faustpfand, sozusagen, im Gegenzug ehelichte.
Miriams Geldgier ging nicht über das normale Maß weiblichen Besitzstrebens hinaus, das durch die evolutionäre Rollenverteilung gerechtfertigt ist. Der männliche Jäger der Urzeit schleppte die Beute zur Höhle und während er stumpfsinnig ins Feuer starrte, übernahm die Hüterin des Herdfeuers deren Verwaltung und Verteilung. Diese gut ausbalancierte Arbeitsteilung erfährt genau an dem Punkt ihr jähes Ende, wo der Jäger in ein anderes Feuer in einer unterhaltsameren Höhle starren will. So auch in dieser Beziehung, mit dem Resultat, dass sich Egon schnell und umfänglich seiner Mittellosig- und finanziellen Abhängigkeit bewusst wurde.
Spätestens hier und jetzt hätte er als echtes Alphatier ohne Rücksicht auf Verluste sein Territorium verteidigen müssen. Die Konfrontation trennt die Spreu vom Weizen. So mancher Held der gedrechselten Drohung entdeckt seine pazifistischen Neigungen, wenn Verluste drohen und der Gegner entschlossen ist. Fortan teilte ihm Miriam ein Taschengeld zu, das sie ihm in wöchentlichen Tranchen ausreichte. Da es gut bemessen war, gab er in der Kneipe weiterhin den erfolgreichen Tausendsassa und festigte seinen Anspruch, erfolgreicher Unternehmer zu sein mit gelegentlichen Lokalrunden. Das Leben als Platzhirsch, Silberrücken oder Mähnenlöwe ist beschwerlich und endet einsam. Das wissen auch die wilden Alpha-Hengste der Stammtische. Sie scharren mit den Hufen und schütteln verbal die Mähnen auf. Wenn sie dann aufstehen, weil der Anruf von Mutti kommt - sag´mal wo steckst du denn, weißt du wie lange ich schon das Essen warm halte, mach dass du bei kommst – kann man, wenn man nahe genug heran kommt, Gemurmel über Besprechungen hören, die gleich vorbei sind. Noch ein wenig die Nüstern blähen, schnauben, das Fell schütteln und sie besteigen ihre Pintos und reiten stolz und unabhängig in den Sonnenuntergang auf die Bergformation am Horizont zu, wo man die große Freiheit um die nächste Biegung wähnt. Wer nachreitet, findet allerdings kein einsames Lager unter windumtostem Berggipfel, sondern einen warmen Stall, mit Raufen voll Heu.
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