Als ich ihn kennenlernte, hatte er gerade sein Studium der Literatur und Theaterwissenschaften abgeschlossen und bewohnte eine große Wohnung in einem Abriss-Haus in der Luisenstraße, zusammen mit einem hässlichen Hund. Irgendwoher hatte er eine Jute-Tasche voll „Acapulco Gold“ das er sich mit dem Köter reindröhnte. Ich weiß nicht, wer auf das Zeug mehr abfuhr, er oder der beknackte Hund. Seine Wohnung war mit Laufstegen durchzogen. Dazu hatte er Holzbohlen auf Hohlblocksteine gelegt. Es gab Abzweigungen: zum Herd, zum Sofa, zum Bett. Die Bohlengänge waren sicher. Wer vom Weg abkam, trat in Hundescheiße, die in sämtlichen Aggregatszuständen von „Flüssig“ bis „Versteinert“ überall in der Wohnung herum lagen. Er war zu faul, um das Viech raus zu bringen, und der Köter war ohnehin nicht zu bewegen, die Bude zu verlassen. Einfach und harmonisch war das Zusammenleben mit der süchtigen Bestie nicht, die schon morgens zähnefletschend eine Dröhnung durch die hohlen Hände in die Schnauze forderte und umsichbiss, wenn es zu lange dauerte. Die Jute-Tasche war noch nicht halb leer, als sich niemand mehr dem Gestank der Bude und der üblen Laune des Köters aussetzten wollte und er mit seinem Hund und dem „Acapulco Gold“ tagein tagaus alleine vor sich hin törnte. Manchmal gelang es ihm, abends den Hund, der auf alle Arten von Drogen stand, zu überlisten, indem er ihm Southern Comfort über das Fressen schüttete, ihm einige Downers hineinmischte und ihm zum Abschluss die Nase mit Dope zutörnte bis er ohnmächtig war. So konnte er sich wegschleichen und die Nachbarin besuchen. Die war dreißig Jahre älter, schon gut über fünfzig, und bestand darauf, dass er das Licht ausmachte, weil sie sich wegen ihres Leibesumfangs schämte. In Wirklichkeit schämte sie sich für alles. Anschließend schlief er in ihren Armen ein. Sie gab ihm die Illusion der Geborgenheit. Sie lag die ganze Nacht wach, um keinen Moment zu verschlafen, in dem sie nicht alleine war.
Irgendwann war das „Acapulco Gold“ alle, der Hund verreckt und die atemberaubende Tochter der Nachbarin verbot ihm, die Wohnung der Mutter noch einmal zu betreten. Sie fürchtete seinen schlechten Einfluss. Nachdem er die Miete ein Jahr schuldig geblieben war, erging Versäumnisurteil, und eines schönen Sommermorgens stand der Gerichtsvollzieher mit der Spedition zur Räumung vor der Tür. Er schloss sich einer Landkommune an, wo er zunächst eine Stiefmütterchen-Zucht aufbaute. Parallel dazu organisierte er eine Weinbergschnecken-Zucht und war bald der größte Lieferant in Westeuropa. Nachdem er große Flächen in Hanglage, die für die Landwirtschaft mit ihren Maschinen nicht zu bearbeiten waren, angepachtet hatte, führte er aus Schottland Galloway Rinder ein, die ganzjährig im Freien gehalten werden können und sich an den Steilflächen wohl fühlen. Eines Tages hatte er das Gefühl, schon zu viel für die Kommune getan zu haben, verkaufte alle viertausend Rinder und setzte sich mit dem Erlös nach Amerika ab, wo er alles in Clydstales investierte und verlor, da die großen kaltblütigen Arbeitspferde am Bedarf vorbei gingen.
Unter dem hohen Firmament des einsamen Wyoming, wo in blauen Nächten die Sterne greifbar erscheinen, nahm er die amerikanische The-sky-is-the limit-Mentalität an, setzte seinem Ego einen Stetson auf und Cowboy-Stiefel an die Füße. Er reüssierte. Sogar die Liebe hatte einen Großauftritt mit wallendem blonden Haar. Da er überzeugt war, es sei für immer, baute er ihr ein eigenes Festspielhaus im Ranch-Stil in der Nähe von Laramie. Die Diagnose Hodenkrebs schlug seiner Selbstsicherheit den Stetson vom Kopf und ließ ihn barfuß zurück. In der kalten Verletzlichkeit des Morgens eines ansonsten unbedeutenden Tages, packte ihn der Ekel vor der Verlogenheit des Stücks. Er konnte das billige Calvin Klein Aftershafe, das seiner Frau anhaftete, wenn sie in den frühen Morgenstunden nach Hause kam, nicht mehr ertragen.
Bevor sie erwachte, hatte er bereits in einem Diner nahe Cheyenne gefrühstückt. Er verließ den Interstate 80 nicht mehr. Nahe den Great Lakes schlief er im Auto, zu müde um den Liegesitz zurück zu klappen. In den Outskirts von New York checkte er in ein Hotel ein, dessen Neonwerbung mit Wackelkontakt das Pulsieren seines Kopfwehs nachahmte. Der Tumor brannte so glühend heiß, dass er meinte seine Eingeweiden bruzzeln zu hören. Aber er war noch nicht bereit. Der Schmerz war unerträglich, aber noch hatte sich die Hoffnung verbarrikadiert. Nur Verzweiflung kann Hoffnung besiegen. Er parkte in der Westchester Avenue in der Bronx und fuhr mit dem Taxi zum JFK. Dann, und erst dann, wurde ihm bewusst,dass er die Höhle suchte, die dunklen Wälder der Heimat. Arme in denen er einschlafen konnte, die den Tod aufhielten, bis er wieder wach würde. Die Tochter wollte er finden, die Mutter musste längst tot sein. Er beschwor die Erinnerung an das vermeintliche Glück brütender Sommerabende. Noch einmal einrollen, mit dem Tod so weit entfernt, dass er nicht einmal wahrnehmbar war.
Er fand die Tochter. Die Jahrzehnte hatten in ihrem Gesicht gewütet. Haschisch war die Droge ihrer Jugend. Irgend jemand hatte sie angefixt. Der übliche Weg: alles für den Hit, verraten, was sich verraten lässt. Inzwischen war sie vom Junk weg und hooked am Alkohol. Die Mutter lebte noch, bot sicheren Beistand der Tochter und nahm auch ihn auf. In den Nächten, den verzweifelten der Gewissheit, krümmte er sich neben ihr. Sie tupfte seinen kalten Schweiß mit weichen Tüchern. Ein Unglück, wenn die die Jungen vor den Alten gehen wollen, flüsterte sie. Der Tochter entglitt das Leben in einem verzweifelten Moment. Und im Dämmerlicht eines Abends stieg die Gewissheit wie eine sanfte Fee aus dem trüben Wasser, dass er alles erlebt hatte, was zu erleben war, dass nichts Neues mehr auf seinem Weg erscheinen würde, dass es vollbracht war. Er schmiegte sich eng an, dann ließ los und glitt mit einem Seufzer der Erlösung in die tröstliche Dunkelheit.
- Weblog von S.Münch
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
- 338 Aufrufe
Neueste Kommentare
vor 2 Jahre 9 Wochen
vor 2 Jahre 9 Wochen
vor 2 Jahre 10 Wochen
vor 2 Jahre 30 Wochen
vor 2 Jahre 37 Wochen
vor 2 Jahre 44 Wochen
vor 2 Jahre 47 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen
vor 3 Jahre 2 Wochen