Operation am wilden Herzen

Der belgische Bademeister des Brüsseler Hallenbads L´Espadon in Etterbeek, Bastien Brewers, war Nichtschwimmer. Das bemerkt man erst, als ihn die deutsche Studentin Berta Altblut im Gedränge unabsichtlich über den Rand des Schwimmerbeckens bugsierte. Nur durch beherztes Zupacken an den Haaren rettete sie ihn in letzter Minute vor dem Ertrinken. Um den Preis seines Jobs, den er mithilfe gefakter Leistungsnachweise des Natation Koninklijke Belgische Zwembond erschlichen hatte. Der zunächst Chlorwasserfontänen, später Mittagessensreste Speiende war nicht in der Verfassung, von seiner Retterin – oder Verderberin, je nach Sichtweise - gebührend Notitz zu nehmen. Bei ihrer zweiten Begegnung, die glimpflicher verlief, erkannte er sie kaum wieder. Sie kam aus dem Zara Store in der Ave. Louise, wo sie sich eine Kuscheldecke gegen die Kälte und Einsamkeit ihrer Studentenbude gekauft hatte und stieß auf dem Bürgersteig mit ihm zusammen. Er lud sie auf einen Kaffee in der Gulden Vlieslaan ein. Sie trafen sich danach öfter. Er bemühte sich um sie, und obwohl sie keinen Flügelschlag im Bauch verspürte, weder von einem Schmetterling noch von einem Adler, wurden sie ein Paar. Er zeigte sie herum wie eine Trophäe, sie war froh über ein wenig Gemeinsamkeit.

Ist hier noch frei?

Als er gegen 19.00 Uhr die Hotelbar in der Leipziger Innenstadt betrat, war Alfred Mischler unschüssig, ob er die fünfstündige Fahrt nach Hause noch antreten, oder, wie geplant, die Nacht im Hotel verbringen sollte. Die Verhandlungen waren flüssiger voran gegangen als geplant, und der Vertragsabschluss war eine Formalität, die der Verhandlungsführer der Gegenseite schnell hinter sich bringen wollten, um mit der Familie Abend essen zu können. Der einzige freie Platz am Tresen war zwischen einer nicht unattraktiven Brünetten und einem wesentlich älteren Mann, der seine Wampe auf den Oberschenkel liegen hatte. „Ist hier noch frei?“, fragte er. „Das ist Ihr Platz“, sagte die Brünette. Alfred Mischler war in Bezug auf Frauen kein Kostverächter. Er gehörte aber auch nicht zu der Notgeilenfraktion der Geschäftsreisenden. Das sind die Männer, die abends um sieben in die Hotelbar einlaufen und etwas zum Flachlegen suchen, um zehn in irgendeine Disco wechseln und vor denen sich, wenn sie nach erfolgloser Nacht um sechs Uhr morgens zurückkommen, die Reinemachefrauen hüten müssen, sich über den Putzeimer zu bücken.

Alters-WG

Sie waren drei alte Männer. Mitte siebzig. Einen Tag oder zehn Jahre vom Schlaganfall, vom Herzinfarkt oder von der Demenz entfernt. Dieses Wissen ließ sie die Gegenwart heiter und gelassen genießen. Bisweilen sprachen sie von einer Zeit, als die Gefühle noch mächtig stark, die Winter bitterkalt, die Sommer glühend heiß und die Hoffnungen noch strotzend waren. Manchmal waren sie überzeugt, dass es eine solche Zeit nur in ihrer Fantasie gegeben hat. Aber das spielte keine Rolle. Wirklichkeit ist, was man glaubt. Sie lebten zusammen aus einem spleenigen Einfall heraus, den sie vor über fünfzig Jahren hatten. „Wenn wir alt sind“, hatte Reiner an einem herrlichen Sommerabend in einem Straßencafe schwadroniert, „kaufen wir uns einen Bauernhof, wo jeder seine Wohnung hat und teilen die Kosten für das Personal.“ „Das Personal besteht aus jungen knackigen Krankenschwestern“, meinte Bernd. „Und muss Uniformen tragen“, sagte Holger, und nach einigem Sinnieren „die Uniformröcke dürfen nicht mehr als eine Hand breit sein, weil wir sparen müssen.“ „Dann lassen wir unsere Sauerstoffmasken fallen und sehen ihnen beim Bücken zu“, träumte Bernd und sah aus, als könne er die Gebrechen des Alters kaum erwarten.

Die Lampe

Partricia glaubte, nie den Augenblick zu vergessen, als das Glück sie verließ. Fliederfarben sank der der Sommertag in die Knie. Einer der seltenen großen Tage, die die Endlichkeit vergessen lassen, und die Seele mit einer vagen Sehnsucht, einem Heimweh nach Bestimmung anrühren. Sie las mit untergeschlagenen Beinen bei geöffneter Terrassentür als Bernd ins Zimmer trat. Ihr Haar glühte wie ein Feuerball in der untergehende Sonne. Er trug Fremdheit wie einen Umhang.. Sie lachte verlegen, als er sagte, wir müssen reden. Es war früher einer ihrer Standardwitze: zieh dich aus, leg dich hin, wir müssen reden. Taten waren schon lange nicht mehr gefolgt. Seit nahezu drei Jahrzehnten waren sie verheiratet. Deshalb war Glück die Abwesenheit von Unglück.
Er war gut vorbereitet. Sie war völlig überrascht. Das könne nicht alles gewesen sein. Das Leben, das kurze, müsse mehr hergeben. Er habe eine neue Frau gefunden und wolle noch einmal anfangen, solange es noch nicht zu spät sei. Sie hätte gerne die Verzweiflung ausgeweint, aber ihre Augen waren glühende Salzwüsten. Schreien wollte sie, doch ihre Lungen konnten kaum Atem einhecheln. Etwas zerschlagen, oder zumindest sich an ihn klammern, doch sie war gelähmt.

Minou

Die Liebe war nicht dabei, als er mit Chris nach Landau fuhr. Das ist lange her. So wehmütig lange, dass die Zeit der Erinnerung schmeichelt und sie in Traumgewänder hüllt. An jenem Tag trat der neue US-Präsident, Richard Nixon, seine erste Auslandsreise an, in Köln trat Kardinal Frings von seinem Amt zurück und Peter Fonda trat anlässlich seines dreißigsten Geburtstags mit neuer Freundin vor die Presse. Es war der ungewöhnlich kalte 23. Februar des Jahres 1969, und niemand der Beteiligten hätte auch nur ahnen können, dass die Begegnungen dieses Tages in mehr als vierzig Jahren auf ganz banale Weise den Tod eines Menschen verursachen würde.


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